Theo Angelopoulos: Griechenlands letzter Nomade

Seine Filme erzählen von Pathos, von der Liebe und vom Tod. In ihrer Tiefgründigkeit sind sie bis heute aktuell geblieben. Als Regisseur hat Theo Angelopoulos Grenzen überschritten und Weltruhm erlangt. Der Blick des Odysseus (Το βλέμμα του Οδυσσέα) ist ein Epos über den Balkan, das seinesgleichen vergeblich sucht. Die Ewigkeit und ein Tag (Μια αιωνιότητα και μια μέρα) wurde 1998 in Cannes mit der Goldenen Palme prämiert. – Über das Schaffen eines griechischen Ausnahmekünstlers.

Er liebte das Meer und die Berge. Vor allem aber liebte er den Nebel, dem schemenhafte Gestalten entstiegen. Erinnerungen, bruchstückhaft und zerbrechlich, als würden sie sich so rasch wieder im Äther auflösen, wie sie vor seiner Kameralinse aufgetaucht waren. Als Sohn eines Athener Parfümeriefabrikanten hat Thodoros Angelopoulos schon als in Kind in die politischen Abgründe seiner Zeit geblickt: in ein hartes und düsteres Griechenland, wo 1941 deutsche Truppen einmarschiert sind, und in das Grauen von Diktaturen, das ihm schon früh die dunkelsten Seiten des Lebens vor Augen geführt hat. Kann man sich überhaupt von seiner Vergangenheit, seinen unerfüllten Sehnsüchten und Ängsten, dem Gefühl von Verlust loslösen? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Narrative und Epen des Filmemachers, der wie kein anderer dem Genre Autorenfilm in Griechenland neue Strahlkraft verlieh, ohne sich jemals anzupassen.

Was für die Franzosen ein Francois Truffaut und die Schweden ein Ingmar Bergmann, ist Theo Angelopoulos für die Griechen geworden: ein renommierter Regisseur, der Autobiografisches geschaffen hat. Ein Reisender und Suchender, ein Auswanderer und Geflohener, ein Heimkehrer und Märchenerzähler. Es ist seine eigene Lebensgeschichte, die wir in den Protagonisten seiner größten Werke wiedererkennen. In der Auswahl seiner Hauptcharaktere, die er in seinen Drehbüchern entworfen hatte, wollte sich Theo selbst wiederfinden. Und es gelang ihm mit einem Staraufgebot: Marcello Mastroianni als Bienenzüchter (in Der Bienenzüchter), Harvey Keitel als der Filmemacher A. (in Der Blick des Odysseus) und Bruno Ganz als Schriftsteller und Poet Alexandros (in Die Ewigkeit und ein Tag), um nur wenige zu nennen. Sie verkörperten den Typ eines Nomaden, als welchen sich Angelopoulos Zeit seines Lebens sah. Ein Mensch, der an seine Grenzen stößt. Ein alter Mann, der vor einem Übergang steht und der Raum und Zeit fließend, nicht sprunghaft, überwindet. Denn die Übergänge und Schnitte in  Angelopoulos´ Spielfilmen sind so langsam und geduldig wie die Irrfahrten und Leiden des Odysseus.

Als Grieche, der seine Jugend selbst im Pariser Exil verbracht und daraus Inspiration geschöpft hatte, war die Diaspora für ihn immer ein zentrales Thema. In The Dust of Time, dem zweiten Teil seiner unvollendeten Filmtrilogie, schlüpfen wir mitten ins Liebesdrama des vom Bürgerkrieg geflohenen griechischen Paares Spyros und Eleni. Sie finden sich im verschneiten sowjetischen Taschkent wieder, lieben sich in einer Straßenbahn und werden gewaltsam auseinandergerissen. In Sibirien schließt Eleni mit dem deutschen Juden Jacob Freundschaft, der sie nach New York begleiten wird, um nach ihrer Jugendliebe Spyros und ihrem Sohn, den Regisseur und eigentlichen Protagonisten, zu suchen. Traurige Geschichten und schicksalshafte Begegnungen, wie sie das Leben schreibt, von der Melancholie balkanischer Weisen untermalt, meist jedoch stumm und ausdrucksstark, ohne einen Anflug von Sentimentalität oder Gefühlsduselei.

Beim Filmfestival von Cannes 1995 geht die Goldene Palme nicht an Angelopoulos, dessen Balkan-Epos Der Blick des Odysseus als heißer Favorit gehandelt wird, sondern an den Serben Emir Kusturica. Der griechische Regisseur verleiht seiner Enttäuschung Ausdruck. „If this is what you have to give me, I have nothing to say“, verkündet er knapp, nachdem er den Großen Preis der Jury entgegengenommen hat. Mit dem Trostpreis, wie er findet, verlässt er die Bühne. Während Kusturica in seinen Filmen ein farbenfrohes und tragikomisches, oft ziemlich ironisches Balkanbild entwirft, sprüht aus den Werken von Angelopoulos ernsthafter Pathos, den man meist nur von griechischen Dramen kennt. In Der Blick des Odysseus begibt sich der Filmemacher A. auf die Suche nach den verschollenen Filmrollen der Brüder Manaki, Filmpioniere der Jahrhundertwende, als der Balkan noch unter osmanischer Herrschaft stand. Es ist eine Reise, die uns Einblick in die Zerrissenheit und Entfremdung einer Region gibt. Schließlich trifft A. den Leiter des Filmmuseums S., der mit seiner Tochter und einem Buben dem Bombenhagel in Sarajevo trotzt. Im dichten Nebel lässt sich A. zu einem Tanz verleiten, bis die Grausamkeit des Krieges auch ihn einholt. Das zum Teil offene Ende des Dramas vermittelt den Eindruck, als schließe sich ein Kreis, als stehe man wieder am Anfang der Geschichte.

Wie ein Gewebe durchzieht Poesie Angelopoulos´ Spielfilme. Einerseits in den Dialogen, die er weder spärlich noch übermäßig einsetzt. Andererseits in den Bildern, die der Regisseur vor seine Kamera bringt und einmal in einem Interview mit Aquarellen verglichen hat. Teils erschrecken sie durch ihren Realismus, der allerdings selten brutal wird. Teils wirken sie surreal und dystopisch. So etwa, wenn ein monumentaler Lenin-Kopf auf einem Schiff die Donau entlang gleitet. Oder wenn geisterhafte Gestalten hinter dem Grenzzaun zu Albanien kleben wie verdammte Existenzen einer anderen Welt.

1998 wurde Angelopoulos endlich in Cannes die Goldene Palme für Die Ewigkeit und ein Tag überreicht. Das Filmdrama zeigt den letzten Tag eines krebskranken Schriftstellers. Wie so oft verschwimmen auch hier Rückblenden mit den Handlungen der Gegenwart spielerisch und lebendig. Fluchtpunkt und Sehnsuchtsort ist das stattliche Elternhaus von Alexandros an einem Strand in Saloniki. Dort hat seine Frau Maria ihre Tochter zur Welt gebracht. Jetzt hat es sein Schwiegersohn verkauft. Zwischen dem Aufflackern der Erinnerungen von Alexandros drängt sich die bittere Wirklichkeit eines albanischen Straßenjungen, der selbst mit dem Tod konfrontiert wird. Auf berührende Weise treffen sich der Bub und der Sterbenskranke, um im Morgengrauen wieder voneinander Abschied zu nehmen. Romantische Strandidylle, ein schäbiges Lagerhaus im Untergrund, eine ausgelassene Roma-Hochzeit und zahlreiche triste, verschneite oder vom Nebel umhüllte Einöden. Die Kontraste, die Angelopoulos in seinen Filmen in Szene gesetzt hat, sind so vielfältig und stark wie jene zwischen Liebe und Hass, zwischen Leben und Tod. Und doch hat der griechische Nomade, der 2012 bei einem Verkehrsunfall in Athen ums Leben kam, bewiesen, dass selbst diese Grenzen sehr durchlässig sein können.

© Filmkritik von Stephan Haderer

angelopoulos

 

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Eine Gratwanderung im Nahen Osten

Österreichs Bundesregierung zeigt sich pro-israelisch. Auch am Rande der UN-Generalversammlung in New York ist das Verhältnis zwischen dem israelischen Regierungschef Benjamin (“Bibi”) Netanjahu und Sebastian Kurz sehr amikal. Die Sicherheit Israels hat vor Kurz bereits die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zur “Staatsraison” gemacht – und dafür Kritik vom früheren Kanzler Helmut Schmidt eingesteckt.

Österreich taumelt zwischen einer neuen pro-aktiven Außenpolitik und seiner Neutralität. Es bleibt unklar, wie sich das Land in den Friedensprozess einbinden will. Die Zwei-Staaten-Lösung, die neben US-Präsident Donald Trump auch Sebastian Kurz anstreben, stößt nach wie vor auf geostrategische und sicherheitspolitische Probleme.

Mehr dazu in meinem aktuellen Gastkommentar.

(Wiener Zeitung, 28/09/2018)

ENGLISH SYNOPSIS

A Tightrope Walk in the Middle East

The Austrian government acts pro-Israel. At the UN General Assembly in New York the meeting between Austrian Chancelor Sebastian Kurz and Israel’s Prime Minister Benjamin (“Bibi”) Netanyahu was – once again – very cordial. Before Kurz, German Chancelor Angela Merkel already declared Israel’s safety as a “reason of state”, though she was criticized by former Chancelor Helmut Schmidt for that step.

Austria seems to be staggering between her new pro-active foreign policy approach and her neutrality. It remains unclear how the country will take part in the peace process. The two-state-solution, which Sebastian Kurz favors besides US-President Donald Trump, still faces geopolitical and security issues.

 

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Riskante Perspektiven für den Balkan

Im Rahmen der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft möchte man die Westbalkan-Länder in die EU führen. Unter anderem wird ein Gebietstausch zwischen Serbien und dem Kosovo vorgeschlagen, der ein großes Risiko mit sich bringt. Ethnische Spannungen könnten dadurch nämlich wieder aufflammen. Dem übereilten (Ver-)Handeln liegen mehrere Ängste zugrunde:

  • Brüssel fürchtet, dass der Balkan Europa langsam entgleiten könnte, da China maßgeblich für das Projekt der Neuen Seidenstraße (“Ein Gürtel – Eine Straße”) auf der Balkanhalbinsel Investitionen tätigt.
  • Die Nähe Serbiens zu Russland wird als Problem erachtet und man erhofft sich durch Serbiens EU-Beitritt wohl auch eine Mitgliedschaft in der NATO.
  • Durch die EU-Erweiterung gibt es nur noch eine EU-Außengrenze in Griechenland und man erwartet eine Erleichterung der Migrationsströme über die Balkanroute. Allerdings wird auch ein Beitritt nichts an der Migrationskrise (am Problem der Dublin-Regelung) ändern.

Mehr dazu in meinem aktuellen Gastkommentar

(Wiener Zeitung, 04/09/2018)

 

ENGLISH SYNOPSIS

Risky prospects for the Balkans

The Austrian EU-presidency aims to lead the West-Balkan countries into the European Union. Among other ideas, a territorial exchange between Serbia and Kosovo is suggested, which, however, bears a high risk as ethnic tensions are likely to re-emerge. The hurried schedule is based on various fears:

  •  Brussels fears that the Balkans may sooner or later slip out of its control. China has increased its investments on the Balkan Peninsula as part of its New Silk Road (“one belt – one road”) initiative.
  • Serbia’s good relations with Russia are considered to be a problem and with Serbia’s membership in the EU policymakers probably hope for its accession to NATO.
  • With the integration of the Balkan countries in the EU there will only be one external border (Greece) and governments are hoping to solve the migration waves across the Balkans. However, even an EU-membership is not going to solve the migration crisis (or the issue of the Dublin regulation).
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Spirituality vs. politics

The only thing that’s going to change our world is spirituality. Not politics. Politics go whichever way the wind blows. Politics doesn’t offer any real solutions to people.

(Madonna, singer, performer and artist)

bird

Das einzige, was unsere Welt verändern kann, ist die Spiritualität. Nicht die Politik.  Die Politik dreht sich wie eine Fahne im Wind. Die Politik bietet den Menschen keine wirklichen Lösungen an.

(Madonna, Sängerin, Darstellerin und Künstlerin)

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Mind and body

Together mind and body form a single field. It is artificial to separate them as we usually do. Every experience has a physical component.

Deepak Chopra, spiritual guide and tutor

 

DSC_0183Basque Coast in Summer (photo by author)

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Die NATO hat Reformbedarf

Der NATO-Gipfel hat kurz vor dem brisanten Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Helsinki diese Woche stattgefunden. Die Erwartungen waren gedämpft. Das Militärbündnis steht mit den vielen Krisen, die oft von Washington beeinflusst sind, aber von der EU im Alleingang bewältigt werden müssen, vor großen Herausforderungen, die ihre Überlebensfähigkeit und Legitimation in der Zukunft entscheiden werden.

Schon Judy Dempsey, Senior Associate von Carnegie Europe, stellte 2015 ein völliges Versagen und eine Politik der Gleichgültigkeit vonseiten der NATO in der Flüchtlingskrise fest. Man sah quasi zu, wie vor allem die südeuropäischen Länder mit der Flüchtlingswelle überfordert waren, ohne Hilfe zu leisten. Ähnlich verhält es sich bei der militärischen Eskalation in der Ägäis zwischen Griechenland und der Türkei, die immer autoritärer regiert wird.

Mehr dazu in meinem neuesten Gastkommentar

https://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/976227_Die-Nato-hat-Reformbedarf.html

(Wiener Zeitung, 10/07/2018)

ENGLISH SYNOPSIS

NATO needs to be reformed

The NATO summit has taken place shortly before the controversial meeting between Donald Trump and Vladimir Putin in Helsinki this week. The expectations were low. The military alliance, which has to face many crises that are frequently influenced by Washington and mainly affecting a struggling European Union, struggles for its survival and legitimation in the future.

In 2015, Judy Dempsey, Senior Associate von Carnegie Europe, reported about NATO’s complete failure and its policy of indifference during the European refugee crisis. NATO officials were watching and waiting patiently as South European member states were totally overwhelmed by the wave of refugees arriving without even offering assistance. Another example of the organization’s passivity is the military escalation in the Aegean Sea between Greece and Turkey, which is more and more being ruled in an authoritarian way.

 

 

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The gift of writing

One author said, “I can get rid of anything by writing about it,” meaning that the process of externalization could liberate him from the pain in his soul. That realization produced a delicious dichotomy: to free himself, or to hold on to both joys and tortures by remaining silent about them.

Writers write because they must: They need to express something from deep within themselves. They hear voices that others do not. They listen urgently, and they must communicate what they hear.                                                       

  (quote from a Tao book)

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                                          Acherontas River (Acheron, River to the Underworld, Greece)
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