Kim Jong-il und der Preis seiner Freundschaft (Mai 2010)

Immer schneller drehen sich die Reifen um die schmalen Hüften des koreanischen Buben. Wie einen tanzenden Derwisch wirbelt es ihn im Kreis, er blickt kurz hoch, formiert sich zu einem Düsenjet, fängt den nächsten Reifen auf und dreht sich weiter. Gebannte Blicke tausender Menschen sind auf ihn gerichtet: Dreht das Kind die Reifen oder wird es einfach in der Bewegung mitgerissen wie das Werkzeug einer höheren Macht?

Für jeden Nordkoreaner ist eine Vorführung am Arirang-Festival eine Auszeichnung, findet sie doch ausnahmsweise vor den Augen aller Welt statt. Madeleine Albright wurde als erster Amerikanerin diese Ehre im Jahr 2001 zu Teil. Seit dem Besuch von Clintons US-Außenministerin ist es nun auch den größten Staatsfeinden Kim Jong-ils möglich, die bunte Massendemonstration – eine von zahlreichen im Jahr – live mitzuerleben.

Die Website der Demokratischen Volksrepublik Korea, wie der „geliebte Führer“ seinen Staat offiziell bezeichnet, spart neben seiner Biografie und ideologischen Statements auch nicht mit Reiseinformationen. Alejandro Cao de Benos ist 39 Jahre alt, Spanier mit nordkoreanischem Pass und Präsident der KFA (Korean Friendship Association). Diese Organisation tritt für eine Vereinigung zwischen Nord- und Südkorea weltweit ein. Für Menschen, die Nordkorea zumindest wenige Tage lang erkunden wollen, ist KFA die einzige Möglichkeit, ein Einreisevisum zu erhalten. Im Angebot inkludiert sind der Flug Peking-Pjöngjang-Peking, Logie in 5-Sterne-Hotels, Mahlzeiten, Transport durch das Land sowie eine verpflichtende Teilnahme an Veranstaltungen. Diese werden von der KFA organisiert und müssen dem nationalen Sittenkodex entsprechen. Ein Preis, den eine 20-köpfige Reisegruppe gerne auf sich nimmt.

In Militäruniform und mit dem Abzeichen Kim Jong-ils empfängt der KFA-Präsident Alejandro persönlich seine Gäste am Sunan Aiport, dem einzigen internationalen Flughafen des Landes. Nur noch selten fliegen ihn chinesische Fluglinien an. Die russische Aeroflot hat den Flugverkehr wegen zu geringer Auslastung völlig eingestellt. Alejandro wird die Gruppe persönlich durch Nordkorea führen, um sie mit der Kultur des Landes vertraut zu machen. Eine erste Einführung gibt es bereits am darauffolgenden Morgen im fast leeren Sosan Hotel. Den Ankömmlingen wird ein Crashkurs in Koreanisch geboten. Wenige Sätze reichen aus, um ihnen die wesentlichen Botschaften der KFA und des Landes zu vermitteln. „Korea ist eins!“ skandiert Alejandro mit lauter Stimme, das Echo seiner Gruppe ungeduldig abwartend. Und dieses folgt zugleich, mehrmals. Auch den Satz „Yankee go home!“ zitiert der junge KFA-Präsident wie ein Mantra. Das sind seine Philosophie und seine Lebensaufgabe zugleich. Ein alter Amerikaner mit Baseballkappe stimmt grinsend mitein: „Yankee go home!“

Schon im Morgengrauen geht die Fahrt im VW-Bus los, denn das Land ist groß und es gibt viel zu tun. Während asiatische Städte wie Hongkong im Smog und Verkehrslärm versinken, sind die asphaltierten Straßen Nordkoreas verlassene Einöden. Erinnerungen an eine Zeit, in der das Land noch Kontakte zur internationalen Gemeinschaft pflegte und ausreichend mit Benzin und Treibstoff versorgt wurde. Jetzt ist Benzin hier ein seltenes Gut – ebenso wie Strom, Getreide und Trinkwasser. Doch darüber spricht man in Nordkorea nicht. Auch nicht Alejandro Cao de Benos.

„Ich bin schon viel in der Welt herumgekommen“, überzeugt sich der ehemalige Soldat aus Spanien selbst, „doch überall bin ich nur enttäuscht worden. Ich bin für ein System, in dem es gesellschaftliche Krankheiten wie Armut, Prostitution, Aids und so weiter nicht gibt. Haben Sie hier jemals ein bettelndes Kind gesehen?“ Männer, Frauen und Kinder spazieren am Straßenrand entlang – es könnte ja doch passieren, dass hie und da ein Auto vorbeikommt, vielleicht ein Bus oder ein Wagen der Armee. Sie blicken dem Reisebus nach und winken zurück, wenn man sie grüßt. Auf ein Gespräch einsteigen würden sie aber nie. Einen Fremden anzulächeln gilt nämlich als Tabu.

Der Bus hält in einer Provinzstadt. Alejandro weist seine Mannschaft an, auszusteigen und eine Reihe zu bilden, die der Breite der unbefahrenen Hauptstraße entspricht. Er nimmt sein weißes Megaphon zur Hand und skandiert: „Korea ist eins!“ Das Echo der Touristen erschallt, die Leute auf den Straßen toben. Jetzt haben sich auch Frauen in feierlich bunten Kostümen versammelt. Alte Menschen, die am Land angesiedelt wurden, weil sie nicht dem Stadtbild ihres „geliebten Führers“ entsprachen, reißen die Baby-Hände ihrer Enkelkinder in die Luft. Sprechen können diese noch nicht, aber auch das werden sie noch früh genug lernen. Ein weißes Banner wird vorangetragen. In englischer Sprache steht darauf: „US-Truppen, verschwindet aus Südkorea!“

Eine Goldstatue ist der einzige Reichtum der Nordkoreaner, einer Nation, die sich hauptsächlich auf Agrarwirtschaft stützt und unter häufigen Dürre- und Überschwemmungsperioden leidet. Sie zeigt den „geliebten Führer“ Kim Jong-il, ein lebendiger Mythos und die ideale Erfüllung eines Traumes, der zum Lebensinhalt einer geteilten Nation geworden ist. Wie der Juche-Turm in Pjöngjang ragt die überdimensionale lebensechte Skulptur empor. Eine von zahlreichen Monumentalbauten eines scheinbar unsterblichen Personenkults. Die Nordkoreaner halten an ihrem Glauben fest, dass zum Tod des einzig erleuchteten Kim Il-sung, dem Vater Kim Jong-ils, im Jahr 1994 eine Schar von Kranichen den Führer in den Himmel mitnehmen wollte. Nur das Wehklagen seiner rund 24 Millionen Untertanen konnte dies verhindern. Der Tradition kommunistischer Diktatoren entsprechend ruht Kim Il-sungs mumifizierter Leichnam jetzt im streng bewachten Mausoleum der Hauptstadt.

Alejandro wird ungeduldig. Anstatt sich in Reih und Glied aufzustellen tänzeln einige Touristen in der ersten Reihe unaufmerksam herum. Ein todernstes Gesicht ist für eine ehrfurchtsvolle Huldigung des „geliebten Führers“ absolute Voraussetzung. Stillschweigend wird dieser feierliche Akt schließlich vollzogen. Die Gruppe verneigt sich. Und schon geht es weiter zur nächsten Etappe, Panmunjeom.

Der Bus nähert sich der DMZ, der demilitarisierten Zone, die gleichzeitig die Grenze zu Südkorea markiert. Der erste von mehreren Kontrollposten taucht auf. „Macht keine merkwürdigen Anstalten!“ befielt Alejandro seiner internationalen Mannschaft. Es passiert selten, dass Menschen aus dem Westen einen Blick auf südkoreanisches Territorium werfen dürfen – meist verhält es sich umgekehrt. Die Grenze ist erreicht. Von der Aussichtsplattform erspäht die Gruppe mehrere flache Hütten, vor denen Soldaten postiert sind. „Diese Soldaten“, zeigt Alejandro auf einen Südkoreaner, „wurden nur ausgetauscht. Das ist nicht Südkorea am Grenzposten, das ist die USA!“ Wie ein Mann, der einen reudigen Hund vertreiben will, ruft der Präsident der Koreanischen Freundschaftsassoziation jetzt mehrmals: „Yankee go home!“ Auch Amerikaner stimmen mit ein. „Wir sind hier wie Soldaten und Alejandro ist unser Kommandant. So bekommt man wirklich das Gefühl, was es heißt, unter Kim Jong-il zu leben. Gott sei Dank nur für wenige Tage“, merkt ein Holländer sachlich in seiner Sprache an.

Es folgt ein Besuch in einem der vielen Militärmuseen. Energisch erklärt die Fremdenführerin in fließendem Englisch, wie koreanische Kinder unter den Amerikanern gefoltert wurden. Wie viele Frauen hat sie selbst gekämpft und genießt in einem Staat, wo Waffen bedeutender sind als Nahrung, einen hohen Status in der Partei. Auch sie schwört auf Rache.

Nach mehreren Tagen erreicht die Gruppe die Küste. Ein menschenleerer Sandstrand und ein verlassener Strandpavillion sind hier vorzufinden. Von lärmenden Kindern und Badevergnügen keine Spur. Nur Alejandro genießt die ruhige Atmosphäre. Er wagt sich in die Fluten, während sein Stellvertreter und KFA-Berater, der Norweger Bjornar Simonsen, die Gruppe beaufsichtigt. Ein amerikanischer ABC-Reporter aus der Reisegruppe richtet seine Fragen direkt an ihn. Nahrungsmittelknappheit, so Simonsen, sei eine Erfindung des Westens, ein Märchen, um gegen das Land vorzugehen. „Wissen Sie, was eigentlich mit Menschen geschieht, die gegen das Regime handeln?“ fragt der Reporter. Der Norweger stockt. Sein Blick erstarrt, sein Gesicht bleibt ausdruckslos. Wie mechanisch antwortet er schließlich: „Nein. Ich habe keine Ahnung.“

In Nordkorea teilt man Menschen in drei Kategorien ein: in Genossen, also dem Führer loyale Personen sowie alle Vertreter der Nomenklatura; in „schwankende Personen“, zu denen wohl Alejandros Reisegruppen gezählt werden; und in „feindlich gesinnte Personen“, die gegen das Regime agieren und Kritik daran üben. Doch auch darüber spricht die KFA nicht. Die Arbeitslager in Nordkorea wurden nach Zeugenaussagen von Flüchtlingen, die jetzt in Südkorea leben, von der Hauptstadt in abgelegenere Gebiete versetzt. Für KFA-Members sind diese Zonen also unsichtbar.

Dass ein ABC-Reporter mit derartigen Fragen nicht unbedingt als loyal und regimefreundlich eingestuft werden kann, ist allerdings auch Alejandro klar. Der Amerikaner findet sein Hotelzimmer in Pjöngjang in einer Unordnung vor, die auf Einbruch schließen lässt. Der KFA-Präsident ist wütend und erregt. Er erklärt seiner Gruppe, dass er für die Reise die volle Verantwortung übernommen habe und das Verbreiten von Lügen im Westen nicht tolerieren werde. Mit seiner Hilfe wurde das Kameramaterial des Reporters konfisziert und eine sofortige Ausreise der Gruppe in die Wege geleitet.

Nordkorea – ein Land starker Gegensätze. Während die Korean Friendship Association in den völlig leeren Nobelrestaurants der 5-Sterne-Hotels diniert und einheimischen Wein trinkt, berichtet das World Food Program der Vereinten Nationen von Nordkoreanern, die Lehm und Baumrinde verzehren, um zu überleben. Für die UNO ist das Nahrungsmittelproblem fast noch ein ernsteres als die Menschenrechtsverletzungen in Alejandro Cao de Benos’ letztem kommunistischen Paradies.

Auch für August 2010 ist wieder eine KFA-Tour für internationale Touristen geplant. Der Preis für eine 9-Tage-Reise beläuft sich bei Nicht-KFA-Mitgliedern auf 2290 Euro. Nehmen nur zwanzig Personen daran teil, verdient KFA eine Summe von ca. 46.000 Euro binnen weniger Tage. Da die Reise über die Regierung der Demokratischen Republik Korea angeboten wird, ist anzunehmen, wo das Geld landet. Kim Jong-il hat die Militär- und Aufrüstungspolitik in seinem Land jeder anderen innenpolitischen Maßnahme vorangestellt. Die internationale Staatengemeinschaft zeigt sich alarmiert durch die laufend durchgeführten Raketentests der nordkoreanischen Regierung. Dass diese Raketen auf Kameras gefilmt und in westlichen Medien gezeigt werden, ist allerdings sehr unwahrscheinlich: In den letzten Jahren wurde neben Mobiltelefonen auch die Einfuhr von Videokameras nach Nordkorea verboten.

(Der Standard, 22./23./24. Mai 2010)

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