Welches Risiko geht Japans Regierung ein?

tokyo

Zur Gedenkfeier am 11. März 2012 standen Kaiser Akihito und Premierminister Yoshihiko Noda Seite an Seite und bekundeten ihre Betroffenheit über die Nuklearkatastrophe in Fukushima. Vor genau einem Jahr waren in Japan fast 16.000 Menschen infolge des Tohoku-Erdbebens, das einen gewaltigen Tsunami auslöste, ums Leben gekommen, über 3000 Personen gelten seitdem als vermisst. „Es ist meine Hoffnung, dass die Herzen der Menschen immer bei den Betroffenen in der Region sein werden“, beteuerte der gesundheitlich stark geschwächte Kaiser und die Menschen fühlten sich – zumindest in diesen Stunden – verstanden. Jetzt, wo Premierminister Noda das Wiederanfahren von Reaktoren im Atomkraftwerk Oi angekündigt hat, hat sich das wohl geändert: Viele Japaner verlieren das Vertrauen in ihre Regierung.

Über das Unglück von Fukushima, das nicht wenige als die schlimmste Katastrophe seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 bezeichnen, spricht man in Japan nicht gerne. Die stoische Ruhe der Bevölkerung, die sicherlich zum Erfolg der Hilfemaßnahmen nach dem Erdbeben beigetragen hat, wird von vielen Staaten der Welt bewundert. Der Beschluss, nach einem Jahr doch wieder die Atomkraftwerke hochzufahren, zeigt aber genauso deutlich, wie ängstlich die Japaner, vor allem Regierungs- und Wirtschaftskreise, ihrer Zukunft entgegenblicken. Denn jedem ist bewusst, dass der Erfolg Japans, des wohlhabendsten Staates in Asien, nicht zuletzt von einer funktionierenden Energieproduktion abhängt.

Es ist wie überall eine Frage der Überzeugung: Die Proteste zehntausender Menschen in den Städten Tokio und Osaka, die sich gegen Nuklearenergie richten, geben gewiss ein bewegendes Bild ab. Doch werden jene Stimmen der Vernunft auch die Reden der mächtigsten Lobbys übertönen und die Regierung überreden können, nicht wieder den Weg zurück in die „Hölle von Fukushima“ zu gehen?

Dass es keine Absicherung gegen weitere Naturkatastrophen in Japan, das in der Welt am stärksten von Erdbeben betroffen ist, gibt, ist der Regierung zweifellos bewusst. Eine Strategie, wie die japanische Wirtschaft auch in einer atomenergiefreien Zukunft wachsen und sich gegen die Marktexpansion von Ländern wie China, Südkorea und Taiwan durchsetzen kann, gibt es allerdings nicht. Stattdessen wurden die Strompreise erhöht – wohl auch mit der (gewollten oder ungewollten) Konsequenz, den Menschen die Nachteile einer nuklearfreien Zukunft in Japan vor Augen zu führen.

Doch dem Wunsch vieler Japaner, die sich gegen Atomenergie und für eine sichereres Japan einsetzen, stehen nicht nur die Interessen der Atom- und Wirtschaftslobbys entgegen: Auch die Bevölkerung müsste Einschnitte in ihrem stark verbrauchsorientierten Lebenswandel und Einsparungen im öffentlichen Sektor hinnehmen. Wird man dazu in Japan bereit sein, oder doch das Risiko einer möglicherweise weit schlimmeren Nuklearkatastrophe auf sich nehmen, die den Inselstaat im Pazifik ebenso wirtschaftlich schwächen könnte?

(Unpublished)

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About stephanhaderer

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