Zypern – Ungeteilte Hoffnung jenseits der Grünen Linie

ZypernPic

Die Gespräche zur friedlichen Wiedervereinigung der in einen griechischen Süden und einen türkische Norden geteilten Insel liegen auch während der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft auf Eis. Der ungelöste Konflikt wirkt sich besonders negativ auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ethnien aus, die auf Zypern leben oder zugewandert sind, wie die zyprische Menschenrechtsorganisation KISA beklagt.

Von Stefan Haderer

Es wirkt beinahe wie nationalistische Propaganda und ist für viele Zyperngriechen wohl eine üble Provokation. Neben der türkischen Flagge erhebt sich ebenso unverkennbar ein Schriftzug auf dem Massiv der Kyrenia-Berge, die heute dem quasi-autonomen Nordzypern angehören: „Wie glücklich bin ich, sagen zu können: Ich bin Türke“, lässt sich die steinerne Botschaft übersetzen. Anerkannt wird die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) weiterhin nur von der Türkei, de iure ist sie Teilgebiet der Republik Zypern und somit Bestandteil der Europäischen Union. Doch auch nach dem EU-Beitritt des Mittelmeerstaates 2004 und seinem Vorsitz im Ministerrat seit 1. Juli 2012 gilt das „Zypernproblem“ als ungelöst und die Gesetze enden da, wo UNO-Blauhelme (UNFICYP) schon fast 50 Jahre lang eine gewaltsame Eskalation zu verhindern suchen: an der Grünen Linie, die abgesehen von Serbien und dem Kosovo die letzte Pufferzone Europas ist.

Vom Shakolas Tower, dessen Aussichtsplattform täglich Touristen aus aller Welt anlockt, überblickt man das Häusermeer von Nikosia, Europas einziger geteilter Hauptstadt, zur Gänze. Von hier aus ist die Stadt eins und die Green Line, die seit 1964 den Norden vom Süden der Insel trennt, verschwindet im orientalischen Chaos der Großstadt. Zumindest einen Augenblick lang, denn der Konflikt besteht auch noch ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeit Zyperns.

Angeblich war es ein britischer Offizier, der mit grünem Stift einen Strich auf Zyperns Landkarte zog, die das Land durch eine 180 Kilometer lange Bufferzone zweiteilte und massive Flüchtlingswellen auslöste. Andere beschuldigen Geheimdienste wie die britische MI6 oder die amerikanische CIA, die Insel gespalten und seine Bevölkerung – mit Hilfe Griechenlands und der Türkei – gegeneinander aufgehetzt zu haben. Längst nicht mehr sind nur die Insulaner von den Auswirkungen des Konflikts betroffen. Immer mehr Menschen, die erst später nach Zypern gekommen sind, spüren die politischen Auseinandersetzungen, die Uneinigkeit und das starke Misstrauen, das jedem zielführenden Lösungsansatz im Wege steht. Dem Annan-Plan zur Wiedervereinigung zum Beispiel, der 2004 am Widerstand der griechischen Mehrheit gescheitert ist. Oder einer offenen Debatte, an der sich alle Parteien beteiligen könnten. Durch den EU-Beitritt des griechischen Südens fühlt sich nämlich nicht nur der türkische Norden, der vom Referendum ausgeschlossen wurde, sondern auch sein „Mutterland“, die Türkei, hintergangen. Seitdem blockiert der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu die Gesprächsbereitschaft seines Landes.

„Anfang der 1990er-Jahre vollzog sich im ganzen Land ein demografischer Wandel. Zypern, ehemals ein Emigrationsland, begann Gastarbeiter anzuwerben, die man vor allem im Baugewerbe und im Tourismussektor benötigte“, berichtet Michael Doros, Pressesprecher der 1998 gegründeten zyprischen Menschenrechtsorganisation KISA („Aktion für Gleichheit, Unterstützung und Antirassismus in Zypern“). Schätzungen des zyprischen Innenministeriums zufolge (Stand 2009) liegt der Anteil von Migrantinnen und Migranten auf Zypern bei fast 18%. Neben über 650.000 Zyperngriechen leben und arbeiten je ca. 11.000 Sir Lankesen und Filipinos im reicheren Süden, hauptsächlich als Hotelangestellte und Bauarbeiter mit befristeten Verträgen. Der Rest verteilt sich auf ethnische Minderheiten aus Indien, Vietnam und Osteuropa. Viele Migranten reisen als Austauschstudenten ins Land ein.
Im türkischen Norden leben laut einer nationalen Statistik über 90.000 Zyperntürken, von denen ein Großteil im Laufe des Bürgerkriegs vom Süden in den Norden geflohen ist. Hinzu kommt ein beachtlicher Anteil an Türken, die vom Festland nachgeholt wurden. Wie viele Siedler – überwiegend Menschen aus Anatolien – tatsächlich zugewandert sind, ist nicht eindeutig. Der Süden spricht von mehr als 160.000, der Norden dementiert diese Zahl.
Im Rahmen der UNO-Völkermordkonvention, die Zypern 1982 ratifiziert hat, muss der Staat auch Asylwerber und Flüchtlinge aufnehmen, die Anspruch auf finanzielle Versorgung erhalten. Nur die wenigsten wissen über den Konflikt zwischen Griechen und Türken Bescheid, dabei hängt ihre Zukunft genau davon ab. Wer über den Norden der Insel einreist, hält sich de facto illegal im Land auf, für dessen Gesamtheit sich die Zyperngriechen nach wie vor verantwortlich sehen. „Ich habe Freunde im Süden, die mich regelmäßig besuchen“, berichtet Zahir, ein Austauschstudent aus Bangladesch, der im nordzyprischen Lefke studiert. „Hätte ich vorher etwas von diesem Konflikt gewusst, wäre ich über Limassol eingereist. Ich bin vom Norden gekommen und jetzt ist es mir unmöglich, meine Freunde im Süden zu besuchen.“ Der EU-Beitritt Zyperns hat zwar den freien Waren-, Güter- und Personenverkehr von EU-Bürgern ermöglicht, für Drittstaatsangehörige verhält sich die Umsetzung der Gesetze dann aber doch anders.

Laut Angaben der Organisation KISA führt über Nordzypern eine beliebte Route für Menschenschmuggler. Manchen Flüchtlingen gelingt es, die Green Line illegal zu überqueren und sich im Süden anzusiedeln. „Diese Menschen werden in den Zypernkonflikt mit hineingerissen und zu Opfern nationalistischer Zyperngriechen“, kritisiert Doros. „Es passiert immer häufiger, dass der Süden den Norden beschuldigt, illegal Flüchtlinge ins Land zu schleusen und zu wenig dagegen zu unternehmen.“ Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit oder einen Dialog in Flüchtlingsfragen zwischen beiden Seiten gibt es bislang nicht.

Eine Integration in die Gesellschaft ist für Menschen, deren Status und Rechte von der lokalen Bevölkerung nicht anerkannt werden, kaum möglich. In den Straßen von Limassol und Larnaka, den größten Tourismuszentren des Südens, flanieren junge Inder die Strandpromenaden entlang, während dazwischen griechische Zyprioten mit ihren Autos vorbeirasen oder in diversen Strandcafés sitzen. Es herrscht ein harmonisches Nebeneinander, von interkulturellem Austausch kann keine Rede sein. Dafür ist die Mehrheit der zyprischen Gesellschaft auch zu homogen und Fremden gegenüber zu misstrauisch eingestellt.

„Vor 1963, als die Situation eskalierte, war die Gesellschaft gemischt – auch wenn man nur innerhalb der eigenen religiösen Gruppe heiratete“, bestätigt KISA-Vorstand Doros. „Als die Insel dann geteilt wurde, zwang die Regierung die religiösen und ethnischen Minderheiten, eindeutig Stellung zu beziehen. Armenier, Maroniten und Ladiner haben sich aus eigenem Interesse entschieden, dem griechischen Süden beizustehen. Jetzt versuchen wir, mithilfe der Minority Rights Group mit Sitz in London, ethnische Minderheiten für eine Wiedervereinigung beider Landesteile zu gewinnen.“ Mit finanzieller Unterstützung des United Nations Development Programme (UNDP) hat sich KISA zum Ziel gesetzt, gemeinsam Workshops und Trainings mit Menschen, die auf beiden Seiten leben, zu veranstalten, die auf ein vereintes Zypern hinarbeiten.

Religion war zwar nicht der Auslöser für das Zypernproblem, sie spielt allerdings eine zentrale Rolle für das Scheitern des Wiedervereinigungsprozesses. Es ist vor allem die griechisch-orthodoxe Kirche, die die türkische Seite für zahlreiche Verbrechen verantwortlich macht. Eine Ausstellung im Museum des Erzbischöflichen Palastes in Nikosia dokumentiert ausführlich, wie christliche Kirchen von Türken „geplündert und geschändet“ wurden. Auf der anderen Seite gewinnt mit der Einwanderung von Anatoliern aus der Türkei Religion auch im Norden immer mehr an Bedeutung. Laut Doros bestehen offensichtliche Unterschiede in der religiösen Ausübung und politischen Einstellung der Zyperntürken und jener zugewanderten türkischen Siedler. Dies führe zu neuen ideologischen Konflikten, die alltagspolitisch ausgetragen werden.

Auch die Beziehungen der Zyperntürken zu ihrem Mutterland, der Türkei, für die die 40 Seemeilen entfernte Insel als Vorposten zum Nahen Osten von größter strategischer Bedeutung ist und die 2011 rund 3,5 Millionen Euro an Finanzhilfe nach Nordzypern fließen ließ, stehen dadurch auf dem Prüfstand. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Finanzkrise und zunehmender Arbeitslosigkeit auf der Insel werden die Proteste der Lokalbevölkerung gegen die anatolischen Zuwanderer immer lauter. Die türkische Regierung, die sich auch in Zukunft als Schutzmacht der unterrepräsentierten und von der EU im Stich gelassenen türkischen Zyprer sieht, spricht von Undankbarkeit. Innenminister Beşir Atalay hat der nordzyprischen Regierung indes Gelder in Höhe von 84 Millionen Euro versprochen, an einen sinkenden Einfluss des Mutterlandes ist also nicht zu denken. Vor allem nicht, seitdem im Levante-Becken südlich der Insel Öl- und Gasvorkommen entdeckt worden sind und weitere Felder zwischen Nordzypern und der Türkei vermutet werden. Dies hat in der Region zu erheblichen Spannungen zwischen Israel, dem Libanon, Zypern und der Türkei geführt.
Ob eine Vereinigung des griechischen Südens mit dem türkischen Norden in absehbarer Zeit passieren wird, bleibt fraglich. In einem Referendum hatten 75 Prozent der Zyperngriechen 2004 gegen den Plan des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan gestimmt, der auf eine Wiedereinigung der geteilten Inselhälften abzielte. Seitdem liegen weitere zielführende Dialoge zwischen der Republik Zypern und der TRNZ auf Eis. Multilaterale Gespräche, zu denen sich beide Seiten bereit erklärt haben, wollen die Vereinten Nationen erst nach den zyprischen Präsidentschaftswahlen im Februar 2013 fortsetzen.

Ein Zypern, in dem alle Kulturen und Minderheiten in Frieden miteinander leben – das sind nicht nur der Wunsch und das Ziel der Menschenrechtsorganisation KISA. Auch der Norden scheint an einer Lösung des Konflikts interessiert. So lud der türkische Europaminister Egemen Bağış das nordzyprische Oberhaupt Derviş Eroğlu und den griechisch-zyprischen Staatspräsidenten Dimitris Christofias Anfang September 2012 zu einem Fußballmatch in Istanbul ein in der Hoffnung, einen Dialog wiederherstellen zu können. Christofias lehnte das Angebot mit einer Gegeneinladung ab: Er wolle sich lieber das Gegenspiel am 25. Oktober in Limassol, „im eigenen Land als Bürger der Republik Zypern“, ansehen. Große Priorität scheint die Lösung der Zypernfrage auch in absehbarer Zeit jedenfalls nicht zu haben.

(“INTERNATIONAL – Zeitschrift für internationale Politik”, IV/2012)

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About stephanhaderer

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