Putins Interessen in Syrien

Die Vereinigten Staaten und Russland konnten sich also auf einen UNO-Resolutionsentwurf zum Konflikt in Syrien einigen, der Präsident Bashar al-Assad zur Aufgabe aller Chemiewaffen verpflichtet. Dem war Russland lange Zeit skeptisch gegenübergestanden, da der Westen durch einen solchen Beschluss auch ein mögliches militärisches Eingreifen legitimieren will.

Wie viele Skeptiker zweifelt auch der russische Präsident Wladimir Putin an der offiziellen Version, dass das Giftgas, dem vor allen Frauen und Kinder zum Opfer fielen, von den Truppen des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad eingesetzt wurde. Augenzeugenberichten zufolge waren viele Kinder wenige Wochen vor den Giftgasanschlägen von Rebellen entführt und dann von ihren Eltern als Opfer auf Bildern identifiziert worden. Während Frankreichs Präsident François Hollande sich erstmals bereit erklärt hat, die Rebellen mit Waffen zu versorgen, hatte Putin in einem Artikel die Hegemonialrolle der USA scharf kritisiert. Diese stelle eine Gefahr für den Weltfrieden dar. Allem Anschein nach haben sich die Fronten zwischen den USA und Russland durch die ungelöste Syrienfrage also verhärtet – daran hat wohl auch die Einigung auf einen Resolutionsentwurf nichts geändert.

Wie aber kann Russland selbst vom Machterhalt des syrischen Präsidenten Assad profitieren? Schon im Kalten Krieg waren Syrien und Russland enge Verbündete. Hafez al-Assad, der Vater von Bashar al-Assad, modernisierte sein Militär dank sowjetischer Hilfe. Abgesehen von einem starken Solidaritätsgefühl bietet das Assad-Regime für Russland einen guten Absatzmarkt für Waffen, der auf vier Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Mit dem Zugang zu seiner Marinebasis im syrischen Hafen Tartus konnte sich Russland einen wichtigen strategischen Knotenpunkt im Mittelmeer aneignen, den es nicht aufgeben will. Doch auch seine exzellenten Wirtschaftsbeziehungen, die vor allem durch das russische Erdgasunternehmen Stroitransgaz in Syrien gefestigt sind, sieht Präsident Putin derzeit gefährdet.

Kampflos wird Russland also seinen “Anker” in Syrien – und somit im Nahen Osten – nicht lösen. Die wohl beste Lösung für alle ist der diplomatische Weg über die Vereinten Nationen, den Präsident Putin jetzt gehen will. Nicht mit Fäusten, sondern mit Vernunft will er die Welt von der Unsinnigkeit eines neuen Krieges in Syrien überzeugen. Dadurch unterscheidet er sich wesentlich von seinem amerikanischen Gegenüber, das seine Glaubwürdigkeit mit den Einsätzen im Irak seit 2003 und in Libyen 2011 schon längst verspielt hat.

Und trotzdem bleibt für Syriens Präsident Assad die Frage offen, ob ihm trotz seiner Kooperationsbereitschaft mit dem Westen nicht ein ähnliches Schicksal widerfahren wird wie dem libyschen Machthaber Muammar Gaddafi. Auch dieser hatte 2003 auf seine chemischen Waffen verzichtet und sich mit Europa und den USA versöhnt, bis er islamistischen Rebellen zum Opfer fiel, während der Westen zusah.

(Wiener Zeitung, 02/10/2013)

ENGLISH SYNOPSIS

Putin’s interests in Syria

Although Russian President Putin agreed on the deal to disarm Syria’s Bashar al-Assad and make him destroy all chemical weapons, Russia still doubts the official version that it was Assad’s troops who used such weapons. According to eye witnesses, children had been kidnapped by rebel troops until their parents recognized them in pictures as victims of chemical weapons attacks. Russia will not give up its support of the Assad regime as it can profit from its weapons deals that have existed since early Soviet days. With Stroitransgaz Russian energy enterprises also benefit from Syria. Therefore, it seems unlikely that Russia will lift one of its key “anchors” in the Middle East. Instead of threatening the world like his American counterpart, President Putin has chosen the diplomatic way via the United Nations. We shall see if the new resolution will save Assad, considering that Libya’s Muammar Gadaffi had also signed such an agreement in 2003 and fell prey to the rebels while the West kept waiting and watching silently.

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About stephanhaderer

A traveler for life, anthropologist, philanthropist, hobby journalist, political analyst, writer, screenwriter, on the pursuit of knowledge, wisdom & harmony.
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