Kim Jong-un präsentiert sich am liebsten gnadenlos

“Egal, wie viel Wasser unter der Brücke fließt, und egal, wie oft eine Generation durch eine neue ersetzt wird, die Paektu-Linie wird unverändert und unersetzbar bleiben.” Dies verkündete die Nachrichtenagentur KCNA – Nordkoreas einziges Sprachrohr in die Außenwelt – kurz nach der Exekution von Jang Song-taek vor einigen Tagen. Die Paektu-Linie meint alle direkten Nachkommen des legendären Staatsgründers Kim Il-sung, dessen Enkel Kim Jong-un seit zwei Jahren das isolierte Land mit eiserner Faust regiert, wobei er nicht einmal davor zurückschreckt, seinen eigenen Onkel seiner Doktrin zu opfern.

Umso überraschender ist die Nachricht, dass Jangs Frau Kim Kyong-hui, die Schwester des verstorbenen “geliebten Führers” Kim Jong-il, die Säuberungsaktion ihres gnadenlosen Neffen völlig ungestraft übersteht und sogar Ehrenmitglied des Bestattungskomitees sein darf. Blut ist eben doch dicker als die Bande der Staatsideologie, die Kim Jong-un durch seinen scheinbar reformfreudigen Rivalen Jang bedroht sah. Dessen plötzliche Hinrichtung mag die Welt schockiert haben, außenpolitisch wird die Aktion jedoch wohl kaum Auswirkungen haben. Selbst in Peking spricht man nur von einer “internen Angelegenheit”.

Eine Zeit lang hegte man die Hoffnung, Nordkorea könne sich seit Kim Jong-uns Machtübernahme zumindest wirtschaftlich ein wenig öffnen. Dafür war Jang Song-taek eingetreten, indem er sich für die Schaffung von Sonderwirtschaftszonen in China, für ausländische Direktinvestitionen und eine Exporterhöhung starkmachte. Dieser (für Nordkorea recht eigenwillige) Weg scheint ihm nun zum Verhängnis geworden zu sein, denn Kim Jong-un – nicht weniger paranoid als sein Vater Kim Jong-il – fürchtete die Machtzunahme seiner Grauen Eminenz, wie Jang oftmals bezeichnet wurde. Und die Hoffnung, dass es mit dem dritten “geliebten Führer” besser werde als unter dem öffentlichkeitsscheuen Kim Jong-il, verblasst immer mehr.

Kim Jong-un, der Lichtblick eines hungernden Volkes, dessen Charisma viele an seinen Großvater Kim Il-sung erinnert, hatte seinen Nachbarn bereits wenige Monate nach seiner Amtseinführung mit Militärschlägen gedroht. Sein Hass auf Südkorea, Japan und die USA macht die Annäherungspolitik, die sein Vater zeitweise angedeutet hatte, zunichte.

Langsam wird der Kreis der Getreuen um Kim Jong-un enger. Glaubt man den nordkoreanischen Propagandamedien, so war es Jang angeblich gelungen, eine große politische Anhängerschaft für sich zu gewinnen. Menschen also, die jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit in eines der vielen Arbeitslager geschickt oder ebenso hingerichtet werden. Welche Möglichkeit bleibt dem jungen Herrscher mit den Drohgebärden in seiner Isolation dann noch, außer die Beziehungen zu China weiter aufrechtzuerhalten? Die Welt hofft, dass er dank seiner Abhängigkeit vom Ausland vernünftig handeln und von Militärgewalt absehen wird. Ein interner Regimewechsel ist nach den aktuellen Ereignissen aber nicht länger auszuschließen, denn auch ohne Jang hat Kim Jong-un viele Feinde.

(Wiener Zeitung, 24/12/2013)

ENGLISH SYNOPSIS

Kim Jong-un prefers to play merciless

Slowly the circle of those faithful to their North Korean leader Kim Jong-un is getting smaller. If we believe North Korean propaganda media, his recently executed uncle Jang Sung-taek had an array of political supporters for his alleged reform program that included special economic zones in China, more foreign direct investments and export increases. “No matter how much water flows under the bridge, and no matter how often a generation is replaced by a new one, the Paektu line will remain unchanged and irreplacable,” North Korea’s news agency KCNA broadcast shortly after Jang’s execution. The Paektu line means all blood relatives to the isolated country’s legendary founder and leader, Kim Il-sung. This may explain why Kim Jong-un forgave Jang’s wife and his father’s sister, Kim Kyong-hui, who was part of Jang’s funeral committee and who is still believed to be the hermit kingdom’s strongest woman in power. Bejing considers the elimination of Jang “an internal affair” only, and most likely this will not have any impact on the country’s rusty and tense relations with its international neighbors. On the other hand, however, one can now no longer reject the idea of a national regime change, as Kim Jong-un’s enemies appear to be great in number.

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About stephanhaderer

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