Neokoloniale Verstrickungen im Südsudan

Seit mehr als zwei Jahren ist der Südsudan nun unabhängig, und dennoch fühlt man sich wegen der aktuellen Konflikte an die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Damals war Afrika in Nationalstaaten unterteilt, die europäische Kolonialmächte erschufen und beanspruchten. Im Sudan unterschied man zwischen einem nördlichen und einem südlichen Territorium, wobei die Grenze äußerst vage gezogen wurde. Nach der Unabhängigkeit 1956 gab es laufend Bestrebungen im wirtschaftlich benachteiligten und ethnisch heterogenen Süden, sich vom arabisch dominierten Norden loszulösen.

1978, als der US-Konzern Chevron im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südsudan Öl fand, begann sich der Westen wieder für die Region zu interessieren. Der Gründung eines souveränen Staates Südsudan stand 2011 nichts mehr im Weg. Dass die Grenze heute wie einst entgegen den Interessen vieler Ethnien gezogen wurde, störte weder ausländische Regierungen noch die Vereinten Nationen, die jetzt die Früchte für die Gründung eines Staates ernten, der zu zerfallen droht.

Die andauernden Kämpfe zwischen regierungstreuen Anhängern des südsudanischen Präsidenten Salva Kiir und Rebellen unter der Führung Riek Machars im Teilstaat Unity, durch die laut UNO rund 230.000 Südsudanesen ihr Zuhause verloren haben, spiegeln einen interethnischen Konflikt zwischen Dinka und Nuer wider, den selbst eine Unabhängigkeitserklärung nicht wettmachen konnte. Schon in den 1930ern forschte der britische Ethnologe Edward Evans-Pritchard im Südsudan. In seinem Werk “Die Nuer” berichtete er dann von einem feindlichen Verhältnis beider Ethnien, das mythologisch legitimiert wurde. Laut einem Schöpfungsmythos der Nuer wären Dinka und Nuer Söhne Gottes gewesen. Durch eine List hätten die Dinka ein junges Kalb gestohlen, das Gott den Nuer versprochen hatte. Daraufhin hätte Gott in seinem Zorn dem Nuer-Volk aufgetragen, sich an den Dinka bis ans Ende aller Tage zu rächen. Egal, ob viele Sudanesen diese Erzählung kennen oder nicht, sie veranschaulicht den Konflikt um Vieh – eine der wichtigsten Ressourcen in der Region – sehr deutlich.

Auf den Rückhalt seiner afrikanischen und westlichen Amtskollegen kann Salva Kiir, der Präsident mit dem Cowboy-Hut (angeblich ein Geschenk von George W. Bush), jedenfalls zählen. Er gehört den Dinka an, die mit kaum 15 Prozent eine bescheidene Mehrheit im Südsudan bilden, wo mehr als 200 verschiedene Ethnien miteinander leben. Der charismatische Dinka-Rebellenführer John Garang machte sich für einen Gesamtstaat stark, der vielleicht ein harmonischeres Zusammenleben der vielen Gruppierungen ermöglicht hätte als ein vom Westen unterstütztes, kaum regierbares unabhängiges Land.

Abgesehen vom Fluch des Erdöls und den politischen Wirren ist dessen Nachfolger Salva Kiir nun auch den Kämpfen um Vieh zwischen Nuer, Murle und anderen Gruppen ausgesetzt. Wie lange noch werden die ostafrikanischen Nachbarländer verhindern können, dass die Probleme im jungen Südsudan bald ihre eigenen sein werden?

(Wiener Zeitung, 17/01/2014)

ENGLISH SYNOPSIS

Neo-colonial entrapments in South Sudan

The current violent conflicts in South Sudan are a reminder of the former colonial era when Sudan was divided into a Northern and Southern Territory. After Sudan’s independence in 1956, the ethnically heterogeneous and economically disadvantaged South already tried to split from the wealthier North. The world turned a blind eye on the South until US oil company Chevron discovered crude oil in 1978. Besides the West’s interest in these resources, the current conflicts mirror an inter-ethnic rivalry already described by British anthropologist Edward Evans-Pritchard, who conducted field studies in South Sudan in the 1920s which he described in his book “The Nuer”. According to a Nuer creation myth, both Dinka and Nuer were God’s sons. By a trick, the Dinka are said to have stolen a calf God had promised to the Nuer, who swore to punish the Dinka for this crime until the end of all days. No matter if many Sudanese believe in this myth or not, it clearly describes the importance of cattle – one of the most precious resources in the region until today. With barely 15 percent, the Dinka form a majority in South Sudan and its president, Salva Kiir, can count on the support of his African neighbor leaders and the West. Remains the question how long the other East African countries will be able to prevent similar conflicts from happening there as well.

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About stephanhaderer

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