Die Ukraine als Zankapfel im “Neuen Kalten Krieg”

ukraine

Schon vor Jahren veröffentlichte der Journalist und Publizist Peter Scholl-Latour ein Buch mit dem einprägsamen Titel “Der Weg in den neuen Kalten Krieg”. Darin zeichnet der Autor ein konfliktreiches Bild einer Welt, die sich entlang altbekannter Spannungsfelder zwischen dem Westen und Russland gewaltsam entlädt. Betrachtet man die andauernden gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Ukraine einmal aus dieser Perspektive – also jenseits von politisch wirksamen Schlagwörtern wie “Demokratie” und “Meinungsfreiheit” -, so lässt sich das plötzliche Interesse des Westens an dieser Region vielleicht eher erklären.

Es ist nicht abzustreiten, dass die Ukraine seit Erlangung ihrer Souveränität nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 eine weiterhin zerrissene Nation ist: Ein Teil der Bevölkerung blickt in Richtung Westen und erhofft sich, wie einst Polen, ein demokratisch-westliches System, egal, ob man dafür einen hohen Preis an die USA – etwa einen Nato-Beitritt – entrichten muss. Der andere Teil will die historischen Beziehungen zu Russland nicht aufgeben und erst recht keinen Konflikt mit dem Nachbarn riskieren, der laufend sein Militär aufstockt.

Bereits in der “Orangen Revolution”, bei den landesweiten Protesten Ende 2004 im Präsidentschaftswahlkampf zwischen dem pro-westlichen Wiktor Juschtschenko und dem pro-russischen jetzigen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, war die Präferenz des Westens eindeutig spürbar. Wie die “Arabische Revolution” kam auch die “Orange” den USA und der EU gelegen. Die Ukraine wurde zum regionalen Zankapfel.

Und auch jetzt, wo sich herausstellt, dass Janukowitsch an einer Partnerschaft mit der EU kein Interesse hat, legen USA und EU ihre Sympathien und Antipathien offen. Der Boxer Witali Klitschko – in den deutschen Medien schon lange als Star gefeiert – will als medienwirksames Steckenpferd für die Opposition hinhalten. Den USA, allen voran deren ehemaliger Nato-Botschafterin Victoria Nuland (Zitat: “Fuck the EU”), genügt er als politischer Aktivist, der seine “Hausaufgabe” gut erledigt. Für die nächste Regierung taugt er laut Nuland nicht.

Im strategischen Machtkampf um eine pro-atlantisch gesinnte Opposition, wie sie derzeit von westlichen Regierungen so stark betrieben wird, bleiben wesentliche Fragen jedoch unberücksichtigt: Wie demokratiefähig ist eine Opposition, gegen die ebenfalls Korruptionsvorwürfe erhoben werden? Und wie europafähig ist ein Staat, in dem eine rechtsextreme, offen antisemitische Partei, die “Pan-Ukrainische Union Liberté”, bei den vorigen Parlamentswahlen 2012 mehr als 10 Prozent der Stimmen erhielt?

“Demokratie” und “Toleranz” werden also nur als Trumpf gegen Janukowitsch ausgespielt, denn manche Reihen in der ukrainischen Opposition vertreten Werte, die alles andere als demokratisch und liberal sind. Diese Bedenken scheinen die Anti-Janukowitsch-Allianz gerade aber kaum zu beschäftigen, denn ein “demokratischer Übergang” braucht wohl immer etwas länger. Vor allem, wenn er nach westlichem Vorbild geschehen soll.

(Wiener Zeitung, 19/02/2014)

ENGLISH SYNOPSIS

Ukraine as a booty in a “New Cold War”

Since the fall of the Soviet Union and Ukraine’s independence in 1991, Ukraine has been struggling to find its place and identity between the West and Russia. One part is looking westwards and risking to pay a high tribute to the EU, and especially to the United States, by sacrificing its sovereignty with a possible NATO membership; the other part still relies on Russia, which, however, permanently stocks up its military. The Orange Revolution – the nationwide protest waves in the course of the election between pro-Western Victor Yushtchenko and the current pro-Russian President Victor Yanukovitch – clearly revealed the West’s (that is, the EU and the US) preference and interests. This is when the Ukraine became a booty to fight for.
Now the West uses boxing legend Vitaly Klitschko – a popular media icon in Germany – for its own agenda. According to former American NATO ambassador Victoria Nuland (quote: “Fuck the EU”), he serves as a political activist who does “his homework” very well, but he doesn’t seem useful for the new pro-Western successor government. The question is how democratic a new Ukraine will be when even the opposition turns out to be corrupt? And how suitable can the Ukraine be for Europe if a radical anti-Semite right-wing party, the Pan-Ukrainian Union Liberty, scored more than 10 percent in the 2012 legislative elections? A “democratic transition” seems to take longer, in the end. Especially if it is to be modeled on Western expectations.

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About stephanhaderer

A traveler for life, anthropologist, philanthropist, hobby journalist, political analyst, writer, screenwriter, on the pursuit of knowledge, wisdom & harmony.
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