Die scheinbare Ohnmacht des Westens

Jeden Tag aufs Neue wird man mit Schreckensmeldungen über die Gräuel des IS, den Bürgerkrieg in Syrien und die damit verbundene Flüchtlingstragödie überflutet. Doch es sind keine Hiobsbotschaften, die die westlichen Regierungen vor unvorhersehbare Entwicklungen stellen. Gerne versuchen manche Medien, Europa in einem Zustand zunehmender Ohnmacht darzustellen. Durch eine fast endlose Berichterstattung zur Unterbringung von Flüchtlingen in Europa gelingt es, die Bevölkerung von den eigentlichen Ursachen – nämlich vom syrischen Kriegsschauplatz – abzulenken. Dabei wird verschwiegen, dass die aktuellen Ereignisse mitunter die Folgen einer bewussten Interventionspolitik sind, mit denen sich jetzt die Europäer, ob sie wollen oder nicht, abfinden müssen.

Nur vage, wenn überhaupt, erinnern sich manche an eine Schlagzeile, die ironischerweise am 11. September 2013 in der “Washington Post” erschien: “CIA beginnt Waffenlieferung an syrische Rebellen.” Mit dem Ziel, Syriens Präsident Bashar al-Assad zu stürzen, rüsteten die USA zum Teil radikalisierte Widerstandskämpfer mit Waffen aus, ohne auch nur von einem einzigen EU-Diplomaten kritisiert zu werden. 

Diese Art der Intervention “im Namen der Gerechtigkeit” ist keineswegs neu. Die “Operation Cyclone” wurde zwischen 1979 und 1989 von der US-Regierung ins Leben gerufen und verfolgte den Zweck, afghanische Mudschahedin gegen die Vorherrschaft der Sowjets militärisch zu versorgen. Aus den Partisanenkämpfern in den unwirtlichen Bergen und Tälern des Hindukusch formierten sich nach dem Ende des Kalten Krieges terroristische Splittergruppierungen, von denen die berüchtigtste Al-Kaida ist. Mit Hilfe des Westens hatte man ein Schreckgespenst, einen Phantomgegner erschaffen, der die Welt bis heute in Atem hält und dem man – unter anderem mit deutschen Bundeswehrsoldaten – einen aussichtslosen “Krieg gegen den Terror” erklärt.

Mittlerweile scheint Al-Kaida durch den IS abgelöst worden zu sein – zumindest medial. Sein Aufkommen allerdings weist frappante Ähnlichkeiten zum Terrornetzwerk auf, denn wiederum greifen westliche Regierungen auf eine bewährte Strategie zurück: die Aufrüstung fanatischer Rebellen, sei es im Irak oder in Syrien, um sich unliebsamer Machthaber zu entledigen.

Dass dies zu Lasten der Zivilbevölkerung passiert, ist logisch und absehbar, aber offensichtlich Nebensache. Die Verantwortungslosigkeit der involvierten Kriegsakteure – der USA, Großbritanniens und Frankreichs – im Umgang mit Flüchtlingen spricht jedenfalls Bände.

Verantwortung kann vielerlei bedeuten. Länder können etwa für die Unterbringung von Flüchtlingen sorgen. Wenn aber Regierungen an einer Lösung der Konfliktursache keinerlei Interesse zeigen und einen Dialog mit Assad weiterhin ablehnen, werden die furchtbaren Auswirkungen unlösbar sein, und jede Art humanitärer Hilfeleistung bleibt, was sie ist: ein Tropfen auf dem heißen Stein.

(Wiener Zeitung, 27/08/2015)

http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/770884_Die-scheinbare-Ohnmacht-des-Westens.html

ENGLISH SYNOPSIS

The seeming impotence of the West

Every day the press is full of coverage on the situation of refugees coming to Europe and of debates about where to accommodate them. The focus is thus being diverted from the actual battlefield in Syria. The events that severely challenge Europe at present are nothing other than the consequence of the West’s careless intervention policy.

The strategy of arming fanatic rebels is not new. One may remember the “Operation Cyclone”, where the US government armed anti-Soviet Mujahedeen fighters in the rugged mountain chains of the Afghan Hindukush between 1979 and 1989, which ultimately led to the creation of Islamist terrorist gropus, of which the most popular is Al Qaida. Until present it has remained a phantom opponent to the West which it aims to counter in hopeless operations, for instance with German Bundeswehr soldiers. Now the IS has succeeded Al Qaida, it seems, at least in the media. The same governments arm the opposition in Syria in the course of their anti-Assad campaign, much to the harm of the civil society.

Responsibility can mean a lot of things. Nations can take care of acommodating refugees, for instance. However, if the same policymakers do not have the slightest interest in solving the actual cause of the conflict by beginning a dialogue with Assad, the best humanitarian measure will remain what it is – a drop in the ocean.

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About stephanhaderer

A traveler for life, anthropologist, philanthropist, hobby journalist, political analyst, writer, screenwriter, on the pursuit of knowledge, wisdom & harmony.
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