Für Angela Merkel wird die Luft immer dünner (oder: Angela Merkels politischer Abgesang)

Nur selten bemühen sich westliche Redaktionen um Interviews mit Syriens Präsident Bashar al-Assad. Auf seine Vorschläge zur Bekämpfung der IS-Milizen verzichten Diplomaten, russische Militäreinsätze in Syrien werden angeprangert, und Assads Warnungen stoßen auf taube Ohren, denn sie sind nicht im Interesse der USA und Saudi-Arabiens. “Der Westen weint mit einem Auge um die Flüchtlinge, während er mit dem anderen sein Gewehr auf diese abzielt”, sagte Assad in einem Interview über das außenpolitische Handeln der Regierungen Nordamerikas und Europas, das seit Ausbruch des Arabischen Frühlings zunehmend irrationaler wird.

Bestes Beispiel ist der außen- und innenpolitische Zickzack-Kurs der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrer Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. 2003 zählte die damalige CDU-Chefin Merkel zu den stärksten Befürwortern des Irak-Kriegs, die für eine “unumgängliche Schadensbegrenzung” plädierten. Heute blickt die Welt auf das instabile Land an Euphrat und Tigris, in dem sich radikale Islamisten formieren.

Rund zwei Millionen Flüchtlinge verließen laut UNHCR-Angaben zwischen 2003 und 2007 den Irak. In der gleich langen Zeitspanne von 2011 bis 2015 sind bereits mehr als vier Millionen Menschen aus Syrien geflohen. Jedem Politiker und jeder Hilfsorganisation muss klar sein, dass internationale Akteure vor Ort versagen und nationale Regierungen scheinbar zu wenig unternehmen wollen, um daran etwas zu ändern.

Inzwischen wird die Luft für Merkel immer dünner. Für eine unkontrollierte Einwanderung tausender Flüchtlinge in ein wirtschaftlich geschwächtes Deutschland mag sich die Kanzlerin vielleicht erst in ein paar Jahren verantworten müssen. An soziale Unruhen, wenn die Gelder nicht mehr reichen, will vorerst noch keiner glauben. Wie wird Merkel es aber dem Freund in Washington weiterhin recht machen können, wenn sie erstmals den Dialog mit Assad sucht?

Chaos in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in Syrien, eine Abwanderung ganzer Städte und Dörfer in ein Westeuropa, für das die Integration der zweiten und dritten Migrantengeneration bereits eine große Herausforderung darstellt, sowie die andauernde Zurückhaltung der USA in der Flüchtlingskrise – all diese Entwicklungen müssten europäischen Regierungschefs und Redakteuren allmählich die Augen öffnen. “Europa muss sich von den USA emanzipieren”, rät Stephen F. Cohen, ein US-Professor an der Princeton University. Damit hat er nicht unrecht, denn China und Russland sind immerhin Vetomächte im Sicherheitsrat der UNO und potenzielle Partner.

Kompromisslose Allianzen, die der EU mehr schaden als nützen, lassen sich durchaus neu überdenken, wenn man dazu bereit ist. Wird Merkel, die den USA den NSA-Abhörskandal großherzig verziehen hat, diesen Schritt wagen? Die Bevölkerung nähme sie dann vielleicht wieder ein wenig ernster, als manche Medien es noch tun.

(Wiener Zeitung, 01.10.2015)

http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/777576_Fuer-Angela-Merkel-wird-die-Luft-immer-duenner.html

ENGLISH SYNOPSIS

Angela Merkel’s political swan song

Only rarely western news departments seem to care about interviews given by Syria’s President Bashar al-Assad. Diplomats ignore his advice on how to fight IS terrorists, Russian airstrikes in Syria are strongly criticized and policymakers ignore Assad’s warning. “With one eye the West is crying for the refugees while with the other eye, it’s aiming at them with a gun,” Assad commented on the Western foreign policy which is becoming more and more irrational since the outbreak of the Arab Spring.

Good examples are the national and international zig-zag-course by Germany’s Chancellor Angela Merkel and her Secretary of Defense Ursula von der Leyen. In 2003, Merkel vehemently defended a military intervention in Iraq for “immediate damage control”. Now, we are facing an Iraq that is breaking apart and harbors fanatic Islamist fighters.

According to UNHCR figures, about 2 mio. refugees left Iraq between 2003 and 2007 while in the same time span between 2011 and 2015, more than 4 mio. Syrians have fled their country. Every politican and aid organization has to realize that international actors and national policymakers are clearly failing in solving the Syrian refugee crisis.

Meanwhile, Angela Merkel is facing her own political dilemma as she opens all gates to thousands of refugees without the slightest control. Nobody in Germany seems to believe in social unrest yet once the money becomes scarce. How will Merkel continue to please her friend, the United States, when she starts a dialogue with President Assad?

In light of the United States’ numerous military failures in Afghanistan, Iraq, Libya and Syria, the EU has to look for new potential partners such as UN veto members Russia and China. “The EU has to emancipate from the US,” says Princeton University Professor Stephen F. Cohen, and he’s quite right about that. Alliances that mainly harm Europe would need to be reconsidered urgently and seriously.

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About stephanhaderer

A traveler for life, anthropologist, philanthropist, hobby journalist, political analyst, writer, screenwriter, on the pursuit of knowledge, wisdom & harmony.
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