Interview mit Ramon Schack

Ramon SchaRamon Schack Bild.JPGck (geb. 1971) ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die Neue Zürcher Zeitung, Zeit Online, Deutschland-Radio-Kultur, Telepolis, Die Welt und viele andere namhafte Publikationen. 2013 erschien sein Buch Neukölln ist Nirgendwo”, welches schon im Vorfeld der Veröffentlichung medial stark diskutiert wurde. Ende 2015 wurde sein Buch Begegnungen mit Peter Scholl-Latour – ein persönliches Portrait von Ramon Schack” veröffentlicht, eine Erinnerung an geteilte Erlebnisse und einen persönlichen Austausch mit dem berühmten Welterklärer. 2017 erschien Schacks eBook “Zeitalter des Zerfalls”, welches sich seit Monaten in den Amazon-Bestsellerlisten bewegt. 


Ich hatte das Vergnügen, für diesen Blog ein Interview mit Herrn Schack zu führen und ihm Fragen zur aktuellen Lage unserer Weltpolitik zu stellen:

Herr Schack, Sie haben bald nach dem Tod des berühmten Publizisten und Welterklärers Peter Scholl-Latour ein Buch über ihn geschrieben. Wann spüren Sie sein Fehlen, die Lücke, die er seinen Lesern und Freunden hinterlassen hat, eigentlich am meisten?

Die Lücke, die durch den Tod von Peter Scholl-Latour entstanden ist, die spüre ich fast täglich – gerade angesichts der beschleunigten historischen Abläufe, die ein Kennzeichen unserer Epoche sind, die aber die wenigsten von uns deuten können. In diesem Zusammenhang, angesichts dieser Rahmenbedingungen, fehlt ein Chronist unserer Epoche, der in historischen Tiefen denken konnte, flankiert von einer Weltkenntnis, wie sie Peter Scholl-Latour besessen hat.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie von den höchsten deutschen Politikerkreisen bis zum iranischen Taxilenker in Berlin sehr viele Menschen  Scholl-Latour kennen. Wie erklären Sie sich, dass seine Bücher nie ins Englische und Französische übersetzt worden sind und er in diesen Ländern kaum bekannt ist?

Darauf kann ich Ihnen keine genaue Antwort geben. Zumindest in Frankreich hätten einige seiner Bücher großes Interesse hervorgerufen, ich denke natürlich in erster Linie an Der Tod im Reisfeld, aber auch an Leben mit Frankreich. Mit ihm selbst habe ich über dieses Thema leider nie gesprochen.

Scholl-Latour hat den Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 nicht mehr erlebt. Der libysche Machthaber Muammar Gadaffi hat in seiner letzten Rede auf der Roten Burg von Tripolis vom Flüchtlingsstrom nach Europa gewarnt. Was würde Herr Latour den EU-Politikern in dieser andauernden Krise jetzt wohl raten?

Gerade angesichts der aktuellen Verwerfungen hätte er dazu geraten, was er zu Lebzeiten ja auch permanent tat,  dass Europa sich endlich zu einer eigenen Verteidigungs- und Außenpolitik durchringen muss, ohne blind, wie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, den Vorgaben Washingtons zu folgen. Scholl-Latour zitierte zu seinen Lebzeiten sehr gerne Paul Valery, der einmal „Europa als ein Kap Asiens“ definierte, was ja einer geografischen Realität entspricht und auch einer geopolitischen Grundlage.

Oft berichtete mir Scholl -Latour von seinem Interview mit dem damaligen irakischen Außenminister Tariq Aziz, der ja chaldäischer Christ war und der uns Europäer darauf hinwies, dass wir direkt an die Regionen des Nahen Ostens und Nordafrikas grenzen, dass diese Region unser Schicksal darstellt, während die Amerikaner sich hinter die Ozeane zurückziehen können. Das war zu Beginn des sogenannten  „War on Terror“, der den Terror ja erst zu einem globalen Phänomen mutieren ließ.

Kanzlerin Angela Merkel hat sich noch 2003 für den Irak-Krieg eingesetzt. Wie glaubhaft ist das Engagement der Bundesregierung im Nahen Osten, wo Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur weltweit gilt?

Das Engagement ist überhaupt nicht glaubhaft, noch an irgendwelche Grundsätze orientiert, schon gar nicht an moralische. Es dient auch nicht den Sicherheitsinteressen der Region noch denen Europas oder der Welt. Es  diente alleine dazu, den Vorgaben Washingtons zu folgen, inklusive der permanenten Aufrüstung Saudi-Arabiens, dem reaktionärsten Staat der Region. Das gilt übrigens für alle Staaten des Westens inklusive Österreich. Zu den engen Beziehungen des Westens zu Saudi-Arabien, welche der ehemalige CIA-Agent Robert Baer als „Sleeping with the devil“ bezeichnete, sagte mir der Schriftsteller Salman Rushdie vor ein paar Jahren in einem Interview: “Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudi ihre sehr fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besaß. Dadurch – durch die Verbreitung der saudischen Form – hat sich die ganze Natur des Islam zum Nachteil verändert.”

Ihr neuestes Buch „Zeitalter des Zerfalls“ liest sich – ähnlich den Büchern von Scholl-Latour – als Warnung vor zunehmendem Radikalismus und kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie nennen Brexit und Donald Trump als Symptome. Wäre die Welt mit Hillary Clinton als US-Präsidentin eine friedlichere?

Nein, aber zumindest in manchen Dingen berechenbarer. Bisher hat Trump  ja anscheinend nicht die Absicht, irgendeines seiner Wahlversprechen einhalten zu wollen, und ich rede jetzt nur von der Außenpolitik. Nein, die Symptome, die ich in dem erwähnten Buch zu skizzieren dachte, sind doch die Krisen der liberalen politischen Systeme des Westens, welche schweren innenpolitischen Erschütterungen ausgesetzt sind, unter anderem durch die Revolten an den Wahlurnen, flankiert von einem immer noch globalen Anspruch.

Francis Fukuyama hielt das „Ende der Geschichte“ für gekommen, weil sich nunmehr die liberale westliche Ordnung weltweit durchsetzen würde, da jedwede Alternative gescheitert sei. Der amerikanische Politikwissenschaftler irrte, er irrte von Anfang an. Antiliberale Bewegungen sind auf dem Vormarsch. Zwar löste der Markt die Planwirtschaft ab, aber statt freiheitlicher Demokratie erstarkte Oligarchie. Das westliche Ideal konkurriert heue mit dem Moskauer Modell der „gelenkten Demokratie” oder dem Pekinger eines zunehmend konfuzianisch geprägten Staatsverständnisses. Aber auch im alten Westen halten Lobbyisten den Parlamentarismus im Griff, werden Bürger von Suchmaschinen und Geheimdiensten auf eine Weise überwacht, welche die Schreckensvisionen George Orwells bald eingeholt haben dürfte. Überall wachsen antiliberale Bewegungen heran. Sie offenbaren eine Kluft zwischen den politischen Eliten und der breiten Bevölkerung. Sie reagieren auf gesellschaftliche Konflikte.

Wo Menschen mit dem Komplexen einer freien Welt nicht fertig werden, sehnen sie sich nach „bewährtem Vergangenen”, nach „alter Übersichtlichkeit“ zurück. Entladen sich politische Spannungen, fegen sie alte Ordnungen hinweg, stürzen Regierungen und tauschen Eliten aus. Sie schaffen Neues oder auch nur Anderes, nicht immer Ideales. Vielleicht hilft Ökonom Joseph Schumpeter das Phänomen besser zu verstehen, wenn er von „schöpferischer Zerstörung“ spricht.

Als Journalist schreiben Sie für verschiedene Tageszeitungen. In vielen weltpolitischen Fragen – zum Beispiel im Russland-Ukraine-Konflikt – haben sich westliche Redakteure klar positioniert. Wie zielführend halten Sie die Sanktionspolitik gegen Russland, die Brüssel und Berlin vorbehaltslos unterstützen?

 

Die harsche Reaktion Russlands bezüglich der Zukunft der Krim ist auch das Ergebnis der westlichen Politik – besonders der Politik der NATO – gegenüber dem größten Flächenstaat der Erde in den letzten Jahren. Die permanente Ostausdehnung der NATO, in die Weiten des eurasischen, post-sowjetischen Raumes, wurde in Moskau schon lange als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit interpretiert. Die Frage stellt sich: In welchen westlichen Amtsstuben wurden und werden diese Strategien eigentlich ausgebrütet?

“Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden“, an diese Aussage des kürzlich verstorbenen Strategen Zbigniew Brzezinski, dem ehemaligen US-Sicherheitsberater, aus seinem Buch The Grand Chessboard, fühlt man sich erinnert, wenn man die NATO-Strategie gegenüber Russland in jüngster Zeit betrachtet. Es wäre wünschenswert, wenn die aktuellen Ereignisse nicht in einen neuen Kalten Krieg führen, sondern wenn die NATO ihre Strategie überdenken würde. In der Zwischenzeit könnte ja der Westen gegenüber einigen seiner engsten Verbündeten – wie Saudi-Arabien beispielsweise – die Menschenrechte einfordern, die er von Russland verlangt.

Die Unterstützung des Westens, von so genannten Orangen-, Rosen,-Tulpenrevolutionen in der Ukraine, Georgien und Kirgisistan, demonstriert schon das Scheitern eines politisch-strategischen  Entwurfes, der die betreffenden Staaten weder westlicher, demokratischer noch stabiler gemacht hat. In diesem Sinne halte ich die Politik Brüssels, Berlins, Wiens und Paris’ gegenüber Russland nicht für zielführend.

Man könnte meinen, in den Medien sei der Kalte Krieg wieder voll im Gang. „Elfen“ kämpfen neuerdings gegen „Trolle“. Scholl-Latour sprach von einem „Zeitalter der Massenverblödung“. Sind die neuen Medien mehr Fluch als Segen?

Sie sind wahrscheinlich beides, aber keineswegs nur Instrumente des Fortschritts oder der Emanzipation, wie oberflächliche Kommentatoren einst schwärmten. Die Möglichkeiten der Massenmanipulation sind heute dadurch auf jeden Fall größer als zuvor. Gleichwohl scheinen viele Menschen sensibilisiert, was diese Themen angeht. Ich bin mir also nicht sicher. Soviel steht aber fest: Die Natur des Menschen bleibt immer gleich, unabhängig vom Stand der technologischen Entwicklung.

Peter Scholl-Latour, Karin Leukefeld, Jürgen Todenhöfer  – sie alle sind einer    starken öffentlichen Kritik ausgesetzt. Finden Sie diese Kritik berechtigt und wie gehen Sie selbst mit Ihren Kritikern um?

Der französische Politologe Pierre-André Taguieff hat geschrieben: “Unserer Epoche sei das freie Denken verhasst.“ Ich weiß nicht genau, ob das so stimmt, aber das manichäische Schwarzweißdenken ist heute allgegenwärtig, eben deswegen wird heute nicht mehr widerlegt, nein, man diskreditiert, man ächtet, um sich die geistige Anstrengung der Widerlegung zu ersparen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Kritik ist natürlich wichtig und richtig. Ich selbst verfahre nach der Devise, was Kritiken und Kritiker angeht: Never complain, never explain.

Scholl-Latour meinte Ihnen gegenüber einmal, dass er gern Ethnologe geworden wäre. Nun schrieb er seine Bücher aus einem westlichen Standpunkt, Kritiker behaupten sogar, er habe wie ein Kolonialchronist beobachtet. Teilen Sie diese Ansicht?

Das ist natürlich kompletter Unsinn und stammt meistens von Kritikern, die quasi kolonialistisch der Welt die westlichen Errungenschaften wie Gender-Mainstreaming und ähnlichen Müll aufzwingen möchten.

Ihr erstes Buch „Neukölln ist nirgendwo“ hat Sie recht bekannt gemacht. Sie wohnen und arbeiten immer noch hauptsächlich in Berlin. Was hält Sie in Neukölln? Und warum zieht Sie diese Metropole trotz ihrer traurigen Vergangenheit nach wie vor an?

Nun ja, ich lebe ja in der Gegenwart, welche sich in Berlin so darstellt, dass die Stadt einen internationalen Zuzug  und Zuspruch erhält, den ich vor einigen Jahren so nicht für möglich hielt. Berlin ist doch eine gute Basis, gerade wenn man viel auf Reisen ist so wie ich. In Neukölln hält mich in erster Linie meine Wohnung, um es ganz profan auszudrücken. Alles Weitere kann man in dem erwähnten Buch nachlesen.

In welcher Region sind Sie als Journalist am liebsten unterwegs?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Eigentlich in allen Regionen, besonders gerne in Zentralasien, Ostafrika und im Nahen Osten.

Angenommen, ein EU-Regierungschef oder vielleicht sogar der US-Präsident würde Sie nach Ihrer außenpolitischen Expertise um Rat fragen. Was würden Sie ihm dann sagen?

Das wären ja zwei völlig verschiedene Antworten, die von einer Ausführlichkeit wären, die den Platz hier im Interview sprengen würden. Beiden würde ich aber raten, sehr dringend sogar, einen Ausgleich mit Iran zu finden und die enge Kooperation mit Saudi-Arabien zu beenden.

„Zeitalter des Zerfalls“ klingt ja alles andere als optimistisch. Sehen Sie die Zukunft, besonders Europas Zukunft, als ein Desaster oder besteht noch Hoffnung?

Es besteht noch Hoffnung, wenn man sich endlich einen realistischen Blick auf die Geschichte und das Weltgeschehen antrainiert.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview!

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About stephanhaderer

A traveler for life, anthropologist, philanthropist, hobby journalist, political analyst, writer, screenwriter, on the pursuit of knowledge, wisdom & harmony.
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One Response to Interview mit Ramon Schack

  1. Ein spannendes Gespräch, welches mir vom Inhalt her aus dem Herzen spricht!.

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